Schick/Gleßmer: Urbibel Schick, Alexander; Gleßmer, Uwe:

Auf der Suche nach der Urbibel.

Die Schriftrollen vom Toten Meer, das Alte Testament und der geheime Bibelcode

Haan 2000, Oncken

Als ich einmal eine weite Strecke in einem IC fuhr, bekam ich immer wieder Fetzen eines Gesprächs mit, das jemand weiter hinter mir mit einer Mitreisenden führte. Als er sich schließlich verabschiedete, bat besagte Mitreisende beeindruckt um die Zusendung von Material über das Thema, über das sie sich unterhalten hatten: die Schriftrollen vom Toten Meer.

Dieselbe Begeisterung für das Thema, mit der Alexander Schick damals die ihm völlig Fremde und Unwissende zu beeindrucken vermochte, ist dem vorliegenden Buch ebenfalls anzumerken.

Als ich es anfangs in die Hand nahm, war ich ob des vermeintlich geringen Umfangs ein wenig enttäuscht – 160 großformatige Seiten, die mit über 200 meist farbigen Fotos das Prädikat reich bebildert tatsächlich verdienen. Aber je mehr ich gelesen habe, desto mehr habe ich gestaunt, wieviel Information man auf so wenig Raum so packend und anschaulich präsentieren kann. Dabei sind keinerlei Vorkenntnisse nötig, und der Leser wird auch nicht mit überflüssigen Fachbegriffen erschlagen.

Das Hauptanliegen des Buches ist es zu zeigen, wie verkehrt die Ausgangsbasis und die Ergebnisse jener Codesucher sind, die versuchen, im hebräischen Originaltext des Alten Testamentes geheime Botschaften zu finden. Solche Codesucher hat es in der Geschichte schon zuhauf gegeben, aber in den letzten Jahren hat ein Bestseller (Michael Drosnin: Der Bibel Code. München 1997) das alte Thema wieder spektakulär aufgewärmt – nicht zuletzt durch seine Vorhersage der Ermordung Jizhak Rabins.

Während die Codesucher vergangener Zeiten große Mühe darauf verwenden mußten, ihre Buchstaben- und Zahlenspielereien durchzuführen, können die heutigen den Computer arbeiten lassen.

Ein beliebtes – auch von Drosnin praktiziertes – Verfahren ist: Man läßt den Computer bei einem bestimmten Konsonanten starten und läßt ihn die folgenden Konsonanten in Zeilen festgelegter Länge ausgeben. Man erhält so ein Rechteck von in Zeilen und Spalten angeordneten Konsonsanten, in dem man dann senkrecht, waagrecht oder diagonal, vorwärts oder rückwärts Wörter finden kann. Dieses Prinzip wird in Kapitel 1 ausführlich und anschaulich erläutert.

Man könnte es dabei bewenden lassen, diesen Ansatz mit statistischen Argumenten ad absurdum zu führen – man wird auf diese Weise in jedem beliebigen Text (etwa Moby Dick oder Krieg und Frieden, auf beide gehen die Autoren ein) Codes finden, zumal unter denselben Bedingungen, wie sie die Codesucher haben: der hebräische Ausgangstext enthält ausschließlich Konsonanten. Wenn mir meine Zeit nicht zu schade wäre, würde ich selber ein Programm schreiben, das etwa im Faust solche Codes sucht (und natürlich garantiert finden würde).

Die Autoren gehen aber – und das macht das Buch wirklich wertvoll – weit darüber hinaus.

Die Codesucher behaupten nämlich, sie würden mit einer allgemein anerkannten Urbibel arbeiten – also mit einem Text, der Buchstabe für Buchstabe original von Gott stamme und über die Jahrhunderte hinweg fehlerlos überliefert worden wäre.

Um diese abstruse Behauptung zu widerlegen, holen die Autoren sehr weit aus und präsentieren dabei spannend die Überlieferungsgeschichte des Alten Testamentes, wobei sie auch gleich mit einigen populären Mythen über die Schriftrollen vom Toten Meer aufräumen (die Kapitel 2 und 3 sind ihnen gewidmet) – etwa mit der Verschlußsache Jesus).

Die nächsten Kapitel führen tiefer in die Überlieferung des alttestamentlichen Bibeltextes ein, wobei die wichtigsten Texte erwähnt und zueinander in Beziehung gesetzt werden.

In Kapitel 8 wird dann Drosnins Paradebeispiel, die angebliche Vorhersage der Ermordung Jizhak Rabins, untersucht. Es bleibt nichts davon übrig.

In Kapitel 9 werden weitere Irrwege Drosnins (etwa die nicht eingetroffene Vorhersage des Todes Banjamin Netanjahus während seiner Amtszeit) und anderer (etwa die Jesus-Codes) behandelt.

In Kapitel 10 folgen dann einige wohltuend klar Worte dazu, was die Bibel tatsächlich ist.

Als ausgesprochenen Mangel empfinde ich allerdings das Fehlen eines Bibelstellenregisters.

Daß die Autoren ihre Anmerkungen in End- und nicht in Fußnoten gekleidet haben, stört den Lesefluß ungeheuer – man ist ständig am Blättern. Vor allem kann man im Voraus nicht erkennen, ob in der Endnote eine inhaltliche Anmerkung steht oder nur die Fundstelle eines Zitates. Irgendwann habe ich es aufgegeben und die Anmerkungen nach dem Textteil en bloc gelesen; sicher nicht im Sinne des Erfinders. Besonders ärgerlich ist die Anmerkung 16: Von S. 14 blättert man zu S. 155, von wo man auf S. 130 zurück verwiesen wird – nur um festzustellen, daß die Seitenzahl nicht stimmt; es müßte S. 128 heißen.

Mit der Transliteration der hebräischen Wörter wird mancher des Hebräischen nicht Mächtige seine Probleme haben. So wird derjenige, der eben gelernt hat, daß es im Hebräischen nur Konsonanten gibt, auf S. 33 darüber staunen, daß in der Umschrift doch Vokale auftauchen, und zwar für denselben Buchstaben Aleph in zwei Beispielen einmal ‚a‘ und einmal ‚e‘; so auch an anderen Stellen. Die Aufklärung bringt dann der Kasten auf S. 69, aber es wäre wohl besser gewesen, man hätte sich entschlossen, eine Standardtransliteration anzuwenden.

Zusammenfassend kann ich das Buch jedem empfehlen, der an der Überlieferung des Textes des Alten Testamentes oder an den ominösen Bibelcodes interessiert ist.