Wagner, C. Peter:

Der gesunde Aufbruch

Wie Sie in Ihrer Gemeinde für Kranke beten können und trotzdem gesund bleiben

Lörrach 1989, Wolfgang Simson Verlag

Amerikanische Originalausgabe:
How to have a healing ministry without making your church sick!
Ventura 1988, Regal Books


Jemand hatte mir begeistert dieses Buch empfohlen und mich gebeten, es zu beurteilen.

Um es vorweg zu sagen: In dieser Rezension übe ich vernichtende Kritik. Dabei geht es mir jedoch nicht darum, Peter Wagner persönlich zu verunglimpfen oder seinen Dienst schlecht zu machen. Vermutlich ist Wagner – ich kenne ihn nicht persönlich – ein liebenswerter Bruder in Christus, der in seinem Dienst eifriger ist als ich in meinem. Dies ändert aber nichts daran, daß sein Buch schwere Fehler und Mängel enthält. Auf diese erlaube ich mir hinzuweisen.

Diese Fehler und Mängel zeigen sich darin, daß der Autor


In seinem Geleitwort zur deutschen Ausgabe charakterisiert Volker Heitz treffend die heutige Not auf breiter persönlicher und gemeindlicher Basis:

Hier ist ein Buch, das gerade uns, die wir soviel wissen, und oft so wenig bewirken, zu neuem Handeln führen kann.

Das Buch soll uns als schriftorientierten evangelikalen Christen im deutschsprachigen Europa weiterhelfen, indem es uns einen angeblich gesunden Aufbruch vorstellt – die sogenannte Dritte Welle.

Wagner stellt im Vorwort deutlich fest:

Ich verstehe die Pfingstbewegung als eine erste Welle des kraftvollen Wirkens des Geistes Gottes im 20. Jahrhundert, die charismatische Bewegung als die zweite Welle. (S. 8)

1. Kapitel

So ist denn auch das 1. Kapitel mit dem Titel Die Dritte Welle zunächst eine kritiklos-blauäugige Lobeshymne auf die Pfingst- und charismatische Bewegung, deren geistliche Dynamik dafür gesorgt habe, daß wir heute am Beginn einer neuen Ära für die Gemeinde stehen. Ja, Wagner ist sogar überzeugt

daß wir im 20. Jahrhundert die weitreichendste Ausgießung des Heiligen Geistes auf die gesamte Christenheit miterleben, die jemals in der Geschichte vorgekommen ist. (S. 15)

und er hofft, daß sein Buch mit dazu dienen kann, daß sich alle drei Wellen

gemeinsam auf die größte und aufregendste Periode der Ausbreitung des Reiches Gottes der ganzen Geschichte zu bewegen (S. 9)

können. Minderwertigkeitskomplexe scheint Wagner also nicht zu haben.

Mit dieser Überzeugung von einer Endzeit-Erweckung steht Wagner in ur-pfingstlerischster Tradition. Mir ist schleierhaft, worauf Pfingstler, Charismatiker oder Angehörigen der Dritten Welle diese Erwartung gründen, kündigt die Schrift doch für die Endzeit klipp und klar nicht Erweckung, sondern im Gegenteil Abfall an (2Thes2.3-12, 1Tim4.1, vgl. 2Tim4.3-4).

Im Rest des Kapitels geht Wagner auf die Unterschiede zwischen erster, zweiter und dritter Welle ein. Zu Beginn des Abschnittes Lehrmäßige Unterschiede findet sich eine höchst aufschlußreiche Passage:

Theologie ist im Grunde nicht mehr und nicht weniger als ein menschlicher Versuch, das Wort und das Handeln Gottes in einer vernünftigen und systematischen Weise zu erklären. Die zwei wesentlichen Quellen hierfür sind die Bibel und die christliche Erfahrung. Ich brauche nicht darauf hinzuweisen, daß es verschiedene Arten gibt, wie Menschen die Bibel betrachten und wie sie Erfahrungen bewerten. Die Tatsache allein, daß es unterschiedliche Auffassungen gibt, heißt jedoch längst nicht, daß eine bestimmte Anschauung absolut verkehrt ist. (S. 22, Hervorhebungen von mir.)

Was Wagner mit christlicher Erfahrung meint, sagt er nicht. Man wird annehmen dürfen, daß er Erfahrungen meint, die ein Christ individuell macht.

Wir haben hier das bekannte Bibel-und-Prinzip: Nicht allein die Heilige Schrift soll als Maßstab für Lehre und Praxis gelten, sondern zusätzlich noch etwas anderes – im allgemeinen Fall Schriften von Sektengründern o.ä., bei Wagner ist es eben die christliche Erfahrung. Mit diesem Verfahren – Maßstab sind die Bibel und christliche Erfahrungen – läßt sich natürlich schlichtweg alles begründen. Auf diese Weise wird die Autorität der Heiligen Schrift relativiert. Dem Es steht geschrieben kann ein Aber ich habe erfahren entgegengesetzt werden. Aus dieser Relativierung folgt dann natürlich ganz zwanglos die Überzeugung, daß keine Anschauung absolut verkehrt sein kann &nash; man braucht sie ja bloß mit einer Erfahrung zu begründen!

Nun kommt Wagner zu den eigentlichen Unterschieden:

Die wichtigsten lehrmäßigen Unterschiede, die die Dritte Welle von den ersten beiden Wellen unterscheidet, berühren einige zweitrangige Lehrpunkte, (S. 22)

Wagner sieht sie hauptsächlich darin, daß die Dritte Welle keine Geistestaufe als zweite Erfahrung nach der Wiedergeburt und damit verbundenes Zungenreden fordere (er macht in diesem Zusammenhang einige gute Kommentare zum biblischen Pfingstgeschehen und zum grundsätzlichen Irrtum der Pfingstbewegung), und daß Spaltungen der Gemeinden, wie sie die ersten beiden Wellen unweigerlich mit sich brachten, um jeden Preis vermieden werden sollten. Hier weist Wagner auch auf das Haupterfahrungsmerkmal der Dritten Welle hin: das Gebet für Kranke und das Austreiben von Dämonen.

An dieser Stelle kann der Leser aber nur rätseln, weshalb. Warum gerade dies die Hauptsache bei der Dritten Welle ist und weshalb Wagner so ein ausgesprochenes Loblied auf die Pfingstbewegung singt, wird erst im 2. Kapitel deutlich.


2. Kapitel

Dieses 2. Kapitel ist überschrieben Wie ich die Dritte Welle entdeckte und schildert, wie Wagner zum Glauben, in evangelikale Kreise und für 16 Jahre in den Missionsdienst nach Bolivien kam und wie sich seine Wandlung vom Antipfingstler und Dispensationalisten hin zur Dritten Welle vollzog.

Wagner beschreibt seine Umpolung (er nennt sie Paradigmenwechsel) als einen Prozeß, der sich in vier Stufen über 15 Jahre hingezogen habe:

Als erstes erlebt er als Missionsdirektor in Bolivien, damals noch ablehnender Kritiker, eine Heilung am eigenen Leib. Er gerät in einen Heilungsgottesdienst des Methodisten E. Stanley Jones. Zwar folgt er nicht dem Aufruf, daß diejenigen, die Heilung nötig hätten, nach vorne kommen sollen, aber Jones betet auch für die, die sitzen geblieben sind.

Zum zweiten – Wagner berichtet dies unter der Zwischenüberschrift Pfingstler sind gar nicht so schlimm – hat er sich mit schnell wachsenden Gemeinden beschäftigt; und am schnellsten wuchsen Pfingstgemeinden. Solche besucht er in Chile und ist sehr beeindruckt:

Das, was an ihnen am meisten auffiel, waren ihre Gottesdienste. Ganz anders als bei unseren evangelikalen Gottesdiensten in Bolivien hatten die Pfingstler offenbar Spaß am Gottesdienst! Sie sangen und tanzten aus Freude am Heiligen Geist, klatschten und streckten die Hände hoch. Bevor ich mich versah, versuchte ich es auch einmal, und es gefiel mir sogar. (S. 42)

Als dritte Stufe sieht Wagner, zurück in den USA, seine Lehrtätigkeit über Gemeindewachstum bei einer klassischen Pfingstgemeinde:

Ich wurde zwar für meinen Unterricht bei ihnen bezahlt, aber sie bemerkten wahrscheinlich nicht, daß ich mindestens genauso viel bei ihnen lernte, wie ich sie lehrte. Diese Männer und Frauen Gottes haben mich überzeugt, daß sie eine Dimension der Kraft Gottes kannten, die ich selbst nötig hatte. Nach jedem Besuch bei ihnen kam ich geistlich erfrischt nach Hause. Ich beobachtete bei mir selbst, daß ich mir im geheimen manchmal wünschte, auch Pfingstler zu sein! (S. 43)

Viertens schließlich baut Wagner Mitte der 70er Jahre das Fuller Institute of Evangelism and Church Growth auf. Dabei gewinnt er John Wimber als Mitarbeiter und engen Freund. Zu diesem Zeitpunkt betet Wagner übrigens schon in Zungen. John Wimber gründet eine eigene Gemeinde, in der für Kranke gebetet wird, und zwar mit – wenn auch bescheidenem – Erfolg:

Einige Menschen waren dadurch gesund geworden (S. 45)

Wimber hält an besagtem Institut einen Vortrag mit dem Titel Zeichen, Wunder und Gemeindewachstum, woraus ein regelmäßiger Kurs wird; Wimber führt ihn durch, Wagner ist als Professor verantwortlich. Dabei erlebt Wagner wieder eine Heilung am eigenen Körper, und zwar als Versuchskaninchen im Unterricht Wimbers:

Die ganze Klasse schaute zu, als er anfing zu beten … Er sagte: Der Heilige Geist ist auf ihm. Könnt ihr es sehen? (S. 46)

Jetzt ist es soweit:

Das war der Abschluß meines Paradigmenwechsels. Ich begann als Skeptiker, wurde zum Zuschauer und beschloß schließlich, ein Teilnehmer zu werden. Ich begann damit, unter Handauflegung für Kranke zu beten und zu lernen, ihnen im Namen von Jesus zu dienen. Zunächst geschah nicht sehr viel, aber Gott heilte doch so viele daß ich ermutigt war. Bald war das Gebet für Kranke zu einem beständigen Teil meines christlichen Lebensstils geworden, obschon ich damals noch nicht die Gabe der Heilung hatte. (S. 46)

In seiner eigenen, nicht-charismatischen Gemeinde kommen aufgrund einer Predigt Wagners über Zeichen und Wunder sonntäglich 80-100 Menschen zusammen:

Uns fielen einzelne Personen mit ausgeprägten geistlichen Gaben auf. Gott beschenkte uns mit Menschen, die die Gabe der Fürbitte, des Hirtendienstes, der Heilung, der Austreibung von Dämonen, der Prophetie, der Organisation, der Unterscheidung der Geister, der Worte der Erkenntnis und andere Gaben des Geistes zugeteilt bekommen hatten. (S. 47-48)

Nach der Zusammenkunft wird regelmäßig für Kranke gebetet.

Wagner wird dann einmal überraschend aufgefordert, für ein zu kurzes Bein zu beten – mit Erfolg, das Bein wächst zur vollen Länge. Das geschieht am nächsten Tag noch zweimal. Nun gibt Wagner Gott vier Wochen Zeit (!), ihm zu zeigen, ob er ihm die Gabe der Heilung geschenkt hätte. Zwei Ereignisse beeindrucken Wagner in dieser Zeit dann besonders: Das erste fand bei einem Bankett für 1000 Pastoren und deren Ehefrauen statt:

Ich hörte die Stimme Gottes, wie er direkt zu meinem Geist sprach und mir sagte, ich sollte mit allen für Heilung beten. … Das Resultat war, daß an diesem Abend mindestens 50 Personen, die zu kurze Beine, Rückenbeschwerden oder andere orthopädische Probleme hatten, geheilt wurden. (S. 50)

Das zweite war eine Privatvorführung für P. Yonggi Cho:

Als wir uns privat unterhielten, bemerkte er, daß er gehört habe, wie Gott mich gebrauchte, um für verkürzte Beine zu beten, und daß er mich gerne dabei beobachten wollte. Prompt schickte Gott am nächsten Tag einen ägyptischen Pastor der Koptischen Kirche zu mir, der als Teenager von einem Zug überfahren worden war und dessen Bein seither steif, schwach, verkrüppelt und verkürzt war. (S. 50)

Wagner heilt auch dieses Bein.

Und so ist er zwei Jahre nach seiner Umpolung nun gewiß, daß er die Gabe der Heilung besitzt.

Bevor Wagner dann sehr euphorisch über die Zukunft der Dritten Welle sinniert, schreibt er noch einige sehr bemerkenswerte Sätze:

Gott hat mir die Gabe der Heilung gegeben, und ich gebrauche sie, wo immer dies möglich ist. Es wird zwar nicht jeder, für den ich bete, gesund, aber wie ich später dokumentieren werde, geschieht das doch mit einer ganzen Reihe von Personen. In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, daß ich nicht glaube, daß die Gabe der Heilung eine Vorbedingung ist, um für Kranke zu beten, sondern daß es die Aufgabe aller Christen ist, die Hände auf Kranke zu legen und für sie zu beten und dafür offen zu sein, daß Gott sie als einen Kanal für Heilung gebraucht. (S. 51, Hervorhebungen von mir)

Die in den letzten Abschnitten beschriebenen Dinge sind der Bibel jedoch völlig fremd:

Weder in den Evangelien noch in der Apostelgeschichte (und natürlich auch sonst nirgendwo in der Bibel) finden wir Spezialisten, die besonders für eine bestimmte Krankheit zuständig wären, wie Wagner seiner Erfahrung nach als Spezialist für zu kurze Beine bezeichnet werden könnte. Genausowenig finden wir in der ganzen Schrift auch nur einen Fall, in dem jemand nicht völlig geheilt worden wäre, wenn für ihn gebetet wurde.

Der Gipfel ist aber, daß Wagner die Meinung vertritt, daß es die Aufgabe aller Christen sei, Kranken die Hände aufzulegen und über ihnen für Heilung zu beten. Nirgends enthält die Schrift eine derartige Aufforderung! Bemerkenswert sind die Worte des Apostels Paulus zum Thema Gabe der Krankenheilung:

Dem einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit gegeben, einem anderen aber das Wort der Erkenntnis nach demselben Geist; einem anderen aber Glauben in demselben Geist, einem anderen aber Gnadengaben der Heilungen in dem einen Geist, einem anderen aber Wunder-Kräfte, einem anderen aber Weissagung, einem anderen aber Unterscheidungen der Geister; einem anderen aber verschiedene Arten von Sprachen, einem anderen aber Auslegung der Sprachen. (1Kor12.8-11)

Sind etwa alle Apostel? Alle Propheten? Alle Lehrer? Haben alle Wunderkräfte? Haben alle Gnadengaben der Heilungen? Reden alle in Sprachen? Legen alle aus? (1Kor12.29-30)

Wagner sagt zwar nicht, daß alle Christen die Gabe der Heilung besäßen – das wäre eine zu offensichtlich falsche Lehre; aber er fordert auf, so zu handeln.

Diese Generalisierung scheint ein allgemeines Phänomen in pfingstlerisch-/charismatischen Kreisen zu sein. Vom klassischen Pfingstler wird ja erwartet, daß er nach seiner Geistestaufe selbstverständlich in Zungen redet; auch das prophetische Reden wird in solchen Kreisen stellenweise als Gemeingut aller Christen betrachtet.

Möglicherweise damit der Leser über so offensichtliche Dinge nicht stolpert, sondern sich leichter von Wagners Erfahrungsberichten einlullen läßt, greift er gleich zu Beginn des zweiten Kapitels zu folgendem völlig abstrusen exegetischen Klimmzug: Er geht aus vom sogenannten Missionsbefehl Mt28.18-19:

… Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern …

Zu diesen Versen schreibt Wagner:

Ich verstand genug Griechisch, um zu wissen, daß das Wort für Vollmacht exousia hieß. Ich hatte auch gelesen, daß Jesus schon zuvor seinen Jüngern exousia über unreine Geister gegeben hatte, um sie auszutreiben und jede Art von Seuche oder Krankheit zu heilen' (10,1). Aus irgendeinem Grunde hatte ich diese zwei Bibeltexte nie miteinander in Verbindung gebracht. … Wenn wir jetzt auf diese 16 Jahre (Missionsdienst in Bolivien, M.S.) zurücksehen, fragen wir uns, wie oft wir es erlebten, daß die Vollmacht zum Erfüllen des Missionsbefehls, von der Jesus sprach, die Vollmacht zum Austreiben von Dämonen und zum Heilen der Kranken, durch uns anderen zugute kam. Die Antwort ist, soweit wir uns zurückerinnern können: nicht ein einziges Mal. (S. 37, Hervorhebungen von mir)

In der Schlußfolgerung Vollmacht zum Erfüllen des Missionsbefehls = Vollmacht zum Austreiben von Dämonen und zum Heilen der Kranken sind gleich zwei schwere Fehler enthalten: Erstens sagt Jesus nicht: euch ist alle Macht gegeben, sondern mir ist alle Macht gegeben. Wenn Jesus von der Macht spricht, die ihm gegeben ist, hat das mit der Vollmacht, seinen Befehl zu erfüllen, nichts zu tun – das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Zweitens versucht Wagner hier – was besonders unfair ist – den Leser mit Griechischkenntnissen zu beeindrucken. Er schränkt die Bedeutung von exousia ungerechtfertigterweise ein auf Macht über Krankheiten und Dämonen, nur weil dasselbe Wort in Mt28.18 und in 10.1 vorkommt. Nach dieser Methode könnte man noch reichlich anderen Unfug ableiten, denn exousia kommt im NT an noch über weiteren 90 Stellen vor. Daß die allgemeine Bedeutung von exousia in Mt28.18 in keiner Weise eingeschränkt werden darf, ist aber doch schon aus der Formulierung Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden zu ersehen.

Würde man anstatt Mt10.1 den Vers Mt 7.29 nehmen , denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten, dann könnte man exousia einschränken auf die Vollmacht zum Lehren. Oder Mt 9,6: Damit ihr aber wißt, daß der Sohn des Menschen Vollmacht hat auf der Erde Sünden zu vergeben …, dann könnte man exousia einschränken auf die Vollmacht, Sünden zu vergeben. Alle diese Einschränkungen – einschließlich der von Wagner gewählten – sind natürlich ungerechtfertigt. Hier ist der Wunsch der Vater des Gedankens.


3. Kapitel

Das dritte Kapitel, überschrieben mit Übernatürlich beglaubigte Evangelisation heute (die Eindeutschung von Power Evangelism), will zeigen, welche Rolle Zeichen und Wunder heute weltweit bei der Evangelisation spielen. Wagner führt dazu riesige, teilweise schnell wachsende Gemeinden an – hauptsächlich natürlich Gemeinden der Pfingst-/Charismatischen Bewegung und der Dritten Welle. So etwa die drei zahlenmäßig größten Gemeinden der Welt:

Diese Gemeinde (d.i. die Vision-der-Zukunft-Gemeinde in Argentinien) ist mit 145.000 Mitgliedern die drittgrößte Gemeinde der Welt, nach Paul Yonggi Cho's Yoido Gemeinde in Korea (550.000) und Javier Vasquez' Jotabeche-Gemeinde in Chile (über 300.000). (S. 75)

Diese Zahlenprotzerei gipfelt in der geschmacklosen Fetstellung:

Als in Paul Yonggi Chos Yoido Full Gospel Church in Seoul, Korea, im Jahre 1979 das 100.000ste Mitglied aufgenommen wurde, war das ein Ereignis, das dem sportlichen Durchbruch glich, als jemand zum erstenmal in Amerika die Distanz von einer Meile in einer Zeit unter 4 Minuten lief. Cho hatte der Welt gezeigt, daß es möglich ist, Meta-Gemeinden – Gemeinden mit mehreren Zehntausend Mitgliedern, zu leiten (S. 63, Hervorhebung von mir.)

Bei dieser Betonung der Quantität bleibt geradezu automatisch die Qualität auf der Strecke: solche Mammutgemeinden mit mehreren Tausend, ja sogar zehn- und hunderttausenden von Mitgliedern, haben mit dem, was das Neue Testament unter Gemeinde versteht, absolut nichts mehr zu tun.

In diesem Zusammenhang berichtet Wagner natürlich auch über zahlreiche Wunder. Ein Beispiel:

Beinahe jedes nur denkbare Wunder kam im Verlauf solcher conquistas, wie Carlos Annacondia seine Versammlungen nennt, vor. Das häufigste jedoch ist das übernatürliche Plombieren von Zähnen. Es ist so häufig, daß nur diejenigen, die es erlebt haben, daß drei oder mehr Zähne plombiert oder komplett ersetzt wurden, öffentlich darüber reden dürfen. Die Erneuerung von nur ein oder zwei Zähnen wird eher als eine Kleinigkeit angesehen. (S. 74)

Wagner versäumt es auch nicht, das eine oder andere durch ihn geheilte zu kurze Bein einfließen zu lassen (S. 76).


4.Kapitel

Zu Beginn des vierten Kapitels verspricht Wagner viel: eine Theologie der Dritten Welle, also eine theologische Begründung, weshalb der Schwerpunkt der Dritten Welle die Heilung von Kranken und die Austreibung von Dämonen ist. Zwar schränkt er ein:

Ich wünschte mir, daß ich eine Theologie entwerfen könnte, mit der jeder Christ einverstanden wäre. Aber das ist unmöglich. Viele haben das im Laufe der Zeit versucht, aber keiner war erfolgreich. (S. 81)

Und dennoch:

Trotzdem will ich versuchen, zu einem theologischen Verständnis anzuregen, um einen Dienst, wie er für die Dritte Welle charakteristisch ist, theologisch einordnen zu können.

Wenn man sich aber an den exegetischen Klimmzug erinnert, den Wagner sich zu Beginn des zweiten Kapitels geleistet hat, ahnt man schon, daß es damit nicht weit her sein wird.

Auf den kürzesten Nenner gebracht, lautet Wagners Argumentation:

Krankheiten sind vom Satan. Das Reich Gottes ist angebrochen, deshalb sollen wir durch den Geist Gottes Krankheiten heilen.

Dabei geht er sehr geschickt vor. Er sagt nicht einfach Krankheiten sind vom Teufel; er suggeriert diese Behauptung erst einmal unterschwellig durch entsprechende Formulierungen, bis der Leser, der sich einlullen läßt, soweit ist, daß er diese Annahme auch wörtlich verkraftet. Er zitiert Bibel- und Lutherverse, die belegen bzw. veranschaulichen, daß der Satan von Gott beachtliche Macht eingeräumt bekommen hat. Erst einige Seiten später spricht er es dann deutlich aus:

Ich bin der Meinung, daß … Besessenheit, Krankheit … ein Werk Satans sind (S. 89)

Und nochmals:

Wenn aber Krankheit nicht der Wille Gottes ist, viele Menschen jedoch krank sind, was ist dann die Ursache davon? Die Antwort ist eindeutig: Satan. (S. 97)

Von den Bibelstellen, die Wagner zur Untermauerung dieser Behauptung anführt, haben alle eines gemeinsam: Nicht eine einzige von ihnen macht eine Aussage darüber, daß Krankheiten vom Satan kommen. Alles was Wagner zu bieten hat, ist: Ich bin der Meinung. Lediglich zwei Stellen, die er anführt, haben überhaupt einen Bezug zum Thema Krankheit:

Erstens Hiob: Nur ist dieser Fall zur Untermauerung für sein Argument Gott will keine Krankheiten – sie kommen vom Teufel völlig unbrauchbar, denn es wird ja gerade berichtet, daß der Teufel Hiob erst dann mit Geschwüren schlägt, nachdem Gott es ihm erlaubt hat (Hi2.4-7)!

Zweitens eine Frau, die achtzehn Jahre einen Geist der Schwäche hatte (Lk13.11).

Hier könnte man sich darüber streiten, ob der Ausdruck Geist der Schwäche – den wohlgemerkt Lukas, der Arzt, gebraucht! – nicht ein Hinweis auf eine Form von Besessenheit ist anstatt auf eine bloße Krankheit; die Meinungen der Ausleger gehen hierüber auseinander.

So bleibt also vom positiven, unbestreitbaren biblischen Befund her gar nichts, was für Wagners These spricht.

Wagner behauptet weiter:

Satan benutzt die natürlichen Folgen des Sündenfalls, um Krankheit und Leid zu bewirken. Er gebraucht dazu Bakterien, Viren, Fehlernährung, Unfälle, Kämpfe, Gift, Alter, Triebtäter, Mörder und vieles mehr. Aller Wahrscheinlichkeit nach läßt sich die Mehrheit aller Krankheiten hierauf zurückführen. (S. 98-99)

Daß der Satan Unfälle oder Kampfhandlungen provozieren und Menschen dazu anstacheln kann, anderen körperlichen Schaden zuzufügen, ist keine Frage. Falsche Ernährung ist aber schon etwas, was der Mensch durch Lernen vermeiden kann. Bakterien, Viren oder gar das Altern des Menschen dem Satan zuzuschreiben, ist allerdings etwas, was eine wichtige, biblisch belegbare Tatsache völlig außer acht läßt: Satan ist selbst Geschöpf, nicht Schöpfer! Bei aller Macht, die ihm Gott eingeräumt hat, kann er doch nicht wie Gott Dinge erschaffen – Bakterien und Viren sind Geschöpfe wie Satan selbst ein Geschöpf ist.

Neben diesem biblischen Befund scheint mir eine Beobachtung die Behauptung Krankheiten kommen vom Teufel völlig ad absurdum zu führen: Die Neigung zu Krankheiten und das Sterbenmüssen sind keineswegs lediglich eine Eigenschaft des Menschen, sondern der belebten Natur überhaupt. Diese Kennzeichen können kaum anders als schöpfungsimmanent verstanden werden – also als Eigenschaften, die der Schöpfer in der Natur des Lebendigen verankert hat. Eine Bibelstelle, die diese Sichtweise bestätigt, ist Röm8.20-23:

Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit (o. Vergänglichkeit) unterworfen worden – nicht freiwillig, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, auf Hoffnung hin, daß auch selbst die Schöpfung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit (o. des Verderbens) frei gemacht werden wird zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, daß die ganze Schöpfung zusammen seufzt und zusammen in Geburtswehen liegt bis jetzt. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns selbst und erwarten die Sohnschaft: die Erlösung unseres Leibes

Diese Bibelstelle zeigt auch deutlich einen methodisch-theologischen Lapsus in der Argumentation Wagners:

Ich habe aus einer ganzen Reihe von Gemeinsamkeiten der ursprünglichen Schöpfung (vor dem Sündenfall) und dem Neuen Jerusalem sechs Charakteristika ausgewählt, die uns helfen werden, das Wirken des Reiches Gottes zu verstehen. Im Reich Gottes gibt es: 1. keine Armen. 2. keinen Krieg. 3. keine Unterdrückten. 4. keine Besessenen. 5. keine Kranken. 6. keine Verlorenen. (S. 89, Hervorhebungen von mir)

Wagner überträgt Charakteristika von Zeitabschnitten der Schöpfung, die nach biblischen Aussagen definitiv vorbei bzw. noch zukünftig sind (das Neue Jerusalem gehört gar zu einer neuen Schöpfung) auf das gegenwärtige Reich Gottes. (Wagner würde mich wohl als hoffnungslosen Dispensationalisten bemitleiden …)


5. Kapitel

Die Kernaussage des fünften Kapitels, überschrieben mit Anvertraute Vollmacht, ist: Jesus gebrauchte während seines Erdenlebens keine seiner göttlichen Fähigkeiten. Alle Wunder, Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen seien nur geschehen, weil er den Heiligen Geist als Kraftquelle nutzte. Da uns heute dieselbe Kraftquelle zur verfügung stünde, könnten auch wir ebensolche oder noch größere Wunder vollbringen.

Wagner legt außerordentlich großen Wert darauf, daß Joh14.12 wörtlich aufzufassen sei:

Eine der erstaunlichsten Aussagen von Jesus finden wir gegen Ende seines Dienstes. Er wandte sich zu seinen Aposteln und stellte fest: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Taten auch tun, die ich tue, und wird größere Taten als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater (Johannes 14.12).

Wie sollen wir diese Aussage verstehen?

Während meiner theologischen Ausbildung hat man mir beigebracht, diesen Vers nicht wörtlich zu verstehen. Als Evangelikaler hatte man das so zu glauben. Manche lehren diese Auffassung immer noch. … Das ist bei Mitgliedern der Pfingstgemeinden und der charismatischen Bewegung jedoch anders. Sie nehmen diese Worte Jesu wörtlich. (S. 101)

Dennoch gibt er gegen Schluß des Kapitels zu, womit er sich glatt selber widerspricht:

Skeptiker sagen, daß ihres Wissens keiner, weder in der Pfingstbewegung noch in der charismatischen Bewegung oder außerhalb, so gut und häufig Kranke heilt, Dämonen austreibt oder Wunder tut, wie Jesus es getan hat. Das ist wahr, und es ist auch verständlich. (S. 114, Hervorhebung von mir)

Es wird keinem gelingen, Jesus auf dem Gebiet der Wunder zu übertrumpfen, … (S. 114-115)

Nun, ich gehöre zu den Skeptikern und zu den – in Wagners Augen wohl hoffnungslos rückständigen – Evangelikalen, die nicht der Ansicht sind, daß wir heute mehr und spektakulärere Wunder tun können und sollten, als der Herr Jesus das tat. Vielmehr denke ich, daß Joh14.12 im qualitativen Sinne aufzufassen ist, nicht im quantitativen, daß es also um geistliche Werke geht.

Analog dazu wäre etwa Mt5.20:

Denn ich sage euch: Wenn nicht eure Gerechtigkeit vorzüglicher ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, wo werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen.

Die Gerechtigkeit muß eine qualitativ andere sein, nicht eine quantitativ größere – sprich Glaubens-, nicht Werkgerechtigkeit.

Wagner widmet einen großen Teil des Kapitels der Diskussion der Lehre der zwei Naturen Jesu. Eine Beurteilung dieser Ausführungen würde den Rahmen einer Buchbesprechung bei weitem sprengen. Festzuhalten ist nur, daß Wagner betont, daß der Herr Jesus keinen Gebrauch von seinen göttlichen Fähigkeiten gemacht haben soll; alles Übernatürliche, das er getan hat, sei nur zustandegekommen, weil er den Heiligen Geist als Kraftquelle benutzt hätte.

Eine Kuriosität am Rande: Wagner scheint über irgendwelche Sonderoffenbarungen zu verfügen. Schreibt er doch:

Als Adam noch im Garten Eden lebte, lag es zu jeder Zeit in seiner Macht, die verbotene Frucht zu essen. Er hatte jedoch mit Gott einen Bund gemacht, daß er diese Möglichkeit nicht nutzen wollte, die Frucht zu essen … Ich habe schon darauf hingewiesen, daß sowohl Adam als auch Jesus mit dem Vater einen Bund gemacht hatten, ihm gehorsam zu sein. (S. 107-108, Hervorhebung von mir)

Man kann die ersten Kapitel der Genesis lesen, so oft man will – man wird das Gegenteil finden. Die Bibel berichtet sehr wohl über das Verhältnis von Adam zu Gott – aber nicht von einem Bund, den Adam mit Gott gemacht hätte, um ihm gehorsam zu sein. Was berichtet wird ist, daß Adam ein Gebot Gottes vorsätzlich übertreten hat.


6. Kapitel

Das sechste Kapitel, In Vollmacht dienen, beginnt Wagner damit, daß er wieder auf seine abwegige Auslegung des Missionsbefehls eingeht (s.o., Kap. 2). Wagner will dann zeigen, welch wichtige Rolle Zeichen und Wunder bei den Aposteln gespielt haben. Dabei übertreibt er maßlos.

Buchstäblich jedes Kapitel (der Apostelgeschichte, M.S.), mit Ausnahme des langen Berichts von der Gefangennahme des Paulus, berichtet von den Zeichen und Wundern, die Begleiterscheinungen der Evangelisation im 1. Jahrhundert waren. (S. 120)

Wir wollen uns nicht mit solchen Kleinigkeiten aufhalten, daß man den Begriff Zeichen und Wunder schon recht weit fassen muß, wenn man diese Aussage aufrechterhalten will und daß selbst bei weitester Fassung in den Kapiteln 15, 17 und 18 nichts davon zu finden ist. Tatsache ist, daß Zeichen und Wunder nicht das Element sind, das die Missionstätigkeit des Apostels Paulus am ehesten charakterisiert.

Wagner zitiert dann viele Bibelstellen, die von übernatürlich beglaubigter Evangelisation zeugen – daran zweifelt ja nun sicher niemand. Wagner findet darüberhinaus zahlreiche Berichte über Zeichen und Wunder in der Kirchengeschichte. Ich will mich nun gar nicht über die Glaubhaftigkeit von Wundergeschichten im allgemeinen in der Kirchengeschichte verbreiten. Wer sich dafür interessiert, sollte z.B. das Buch Counterfeit Miracles von dem von Wagner ach so verschmähten B.B. Warfield (Banner of Truth Trust, 1972) oder die fantastischen Wundergeschichten im Talmud (zusammengefaßt z.B. in Mayer, R. (Hrsg.): Der Talmud, Goldmann, 1980, S. 398-416) lesen. Ich will auch keineswegs bestreiten, daß es in der Kirchengeschichte bis heute Wunder gab und gibt, aber es ist einfach zu naiv, alles, was irgendwie nach Wunder aussieht – sei es nachprüfbar oder nicht – zur Untermauerung der These heranzuziehen, daß Christen heute genau solche Wunder tun sollen, wie sie in Evangelien und Apostelgeschichte geschrieben stehen.

Dabei ist Wagner mitunter mit recht wenig zufrieden; in einer Aufzählung von Zeichen und Wundern bei der Evangelisation des frühen Europa führt er auch an:

Bonifazius (sic) wagte es, in Germanien die heilige Donarseiche zu fällen; (S. 125)

Selbstverständlich war dies eine mutige Tat, aber wo ist hier der Bezug zu übernatürlich beglaubigter Evangelisation? Wo ist das Wunder?

Interessant ist auch Wagners Einsicht:

Zur Zeit der Reformation hatte man jedoch die echten Wunderberichte mit so vielen falschen Berichten, besonders in der römisch-katholischen Kirche, vermischt, daß die Reformatoren dazu neigten, sich von Zeichen und Wundern überhaupt zu distanzieren. (S. 125)

Wer entscheidet denn, welche Wunderberichte man glauben kann und welche nicht? Wie unterscheidet man falsche Wunderberichte von den echten?

Wagner stellt im folgenden eine Maxime auf: Glauben heißt sehen. Er meint damit: wer Zeichen und Wunder sehen will, der sieht sie auch. Wer sie nicht sehen will, weil seine Weltanschauung sie nicht zuläßt, sieht sie nicht. Dabei beschränkt er sich keineswegs nur auf die Gegenwart, sondern bezieht auch die Berichte aus der Kirchengeschichte mit ein und fragt provokativ:

Glauben Sie aber auch, daß Wulfram aus Holland oder John Welsh aus Schottland Tote auferweckt haben? (S. 127)

Mit der Maxime Glauben heißt sehen lautet die Frage nicht mehr: Hat dieses oder jenes Wunder stattgefunden, und wenn es stattgefunden hat, wurde es vom Heiligen Geist gewirkt?, sondern: Glaubst du, daß dieses oder jenes Wunder stattgefunden hat? Es kann von niemand anderem als vom Heiligen Geist gewirkt sein! Daß diese Einstellung naiv und wirklichkeitsfremd ist, braucht wohl nicht weiter ausgeführt zu werden.

Gegen Ende des Kapitels gibt Wagner einen Bericht wieder, der mir sehr zu denken gibt, was er eigentlich unter Bekehrung versteht:

Einige Bewohner eines kleinen muslimischen Fischerdorfes in den Philippinen forderten einen einheimischen Christen direkt zu einer solchen Konfrontation auf. Sie sagten zu ihm: Wenn du diesen Dämon aus der besessenen Frau austreiben kannst, werden wir glauben und auf der Stelle Jesus Christus nachfolgen. Sie verabredeten einen Termin, der Dämon wurde ausgetrieben, die Frau wurde geheilt, und das gesamte Dorf bekehrte sich zu Christus. (S. 134)

Kein Wort von Sündenerkenntnis oder -bekenntnis. Hat hier nicht vielleicht nur ein Gegenstand der religiösen Verehrung gewechselt?


7. Kapitel

Wagner betrachtete im fünften und sechsten Kapitel die Vergangenheit, nun kommt er im siebten, Glaube an die Werke Jesu zur Gegenwart. Er führt Wunderberichte über Wunderberichte auf, mit dem Ziel:

Am Anfang fällt es uns vielleicht schwer zu glauben, aber je mehr wir mit eigenen Augen sehen, desto mehr beginnen wir zu glauben, und je mehr wir glauben, umso mehr werden wir sehen. (S. 140)

Natürlich. Glauben heißt sehen, heißt schließlich die Parole.

Berichte, wie Wagner sie bringt, findet man in jedem besseren Pfingstlerbuch, es lohnt sich nicht, darauf einzugehen. Bemerkenswerter ist schon die Schizophrenie, die Wagner in diesem Kapitel wieder aufgreift: einerseits die Betonung, daß Joh14.12 in der Dritten Welle absolut wörtlich aufgefaßt werden sollte (S. 101), daß den neutestamentlich Gläubigen also größere Dinge zu tun verheißen ist als der Herr Jesus sie tat, andererseits die Bemerkung:

Ich habe schon darauf hingewiesen, daß wir … nicht erwarten sollten, seinen (Jesu, M.S.) Dienst kopieren zu können, weder im Hinblick auf Qualität noch auf Quantität. (S. 140)

Kann ein Widersrpuch denn deutlicher sein? Damit mir niemand unterstellt, ich würde sinnentstellend zitieren, gebe ich auch wieder, was ich eben ausgelassen habe:

… darum, weil Jesu (sic) eine einzigartige Beziehung zum Vater pflegte, …

Es ist nämlich völlig belanglos, weshalb heute niemand die Wunder mehr tut, die der Herr Jesus tat. Tatsache ist, wie Wagner ja erstaunlicherweise zugibt, daß die Wunder Jesu in der Geschichte einzigartig sind.

Geradezu lächerlich ist der dürftige Versuch, doch noch etwas zu retten:

Diejenigen, die über die Bedeutung der größeren Werke unterschiedlicher Meinung sind, weisen häufig darauf hin, daß die Jünger Jesu niemals etwas Größeres taten als Jesus selbst. Das mag stimmen, aber es hängt davon ab, was wir unter größeren Werken verstehen. Ich denke, daß es einiges zu bedeuten hat, daß die Jünger, nachdem Jesus sie verlassen hatte, etwas Übernatürliches taten, was Jesus unseres Wissens niemals getan hat. Sie predigten das Evangelium in wenigstens 15 Sprachen, die sie niemals erlernt hatten. (S. 141, Hervorhebung im Original)

Erstens ist es nicht so, daß die Jünger in 15 verschiedenen Sprachen gepredigt hätten, sondern daß die Zuhörer die Predigt, in welcher Sprache auch immer sie gehalten worden war, in ihrer jeweiligen Landessprache gehört haben (Apg2.5-13).

Zweitens: Inwiefern ist dieses Wunder etwas Größeres als die Heilung eines Blindgeborenen, die Reinigung eines Aussätzigen oder die Auferweckung eines Toten? Hier wird sich doch einfach in kasuistischer Weise an einen Strohhalm geklammert, um die Augen vor den Tatsachen verschließen zu können.

Ach ja: Wagner berichtet gegen Ende des Kapitels – man wartet förmlich schon darauf – wieder einmal von einem zu kurzen Bein, das er im Zweierteam heilt.


8. Kapitel

Zu Kapitel acht, Dämonen im In- und Ausland möchte ich nicht viel sagen. Ich möchte auch nicht weiter auf die Berichte von Dämonenaustreibungen eingehen, die Wager wiedergibt. Auch diese findet man in der Literatur der Pfingstszene zuhauf.

Als sehr bezeichnend möchte ich nur einen längeren Abschnitt vom Ende des Kapitels zitieren:

Mark I. Bubeck betrachtet Satan als den obersten General der Mächte der Finsternis, der sozusagen die Spitze der Pyramide einer hierarchischen Struktur von bösen Geistern bildet. Die nach ihm mächtigsten Wesen sind Herren und Fürsten. Bubeck hat den Eindruck, daß diese Wesen ungemeine Macht haben und über eine gewisse Unabhängigkeit verfügen im Hinblick auf das, was sie tun. Unter ihnen befinden sich die Mächte, möglicherweise in größerer Zahl und etwas weniger unabhängig und machtvoll als die Prinzen. Danach kommen die Herrscher der Finsternis, die etwa im Rang untergeordneter Offiziere stehen. Zum Schluß der Hierarchie kommen die bösen Geister oder Dämonen.

Wie die Zuteilung von geographischen Gebieten innerhalb dieser Hierarchie vonstatten geht, ist noch nicht ganz klar. Vielleicht wird uns weitere Forschung hier mehr Klarheit bringen. Mein Kollege Charles Kraft hat mit der Psychologin Rita Cabezas de Krumm aus Costa Rica zusammengearbeitet, die eine zeitlang in einem ausgedehnten Befreiungsdienst engagiert war. Berichte, die Kraft von ihr erhalten hatte, geben so detailliert Aufschluß über die Identität hochkalibriger Dämonen, wie ich es nie zuvor gesehen habe.

In einem zwei Stunden dauernden Kampf mit einem Dämon mit Namen Asmodeo bezeichnete sich das Wesen als einen der sechs Prinzen, die direkt unter Satan dienen, den sie als ihren König betrachten. Jeder dieser sechs, so sagte es weiter, ist mit einer bestimmten unheilvollen Aufgabe betreut; Asmodeo selbst soll dafür sorgen, daß Menschen in Laster, Drogen, Homosexualität, Ehebruch, Ehezerrüttung und Freßsucht verstrickt werden. An verschiedenen Orten können die sechs Prinzen zwar unterschiedliche Namen annehmen, die anderen waren jedoch als Damian, Beelzebub, Nosferasteues, Arias und Menguelesh bezeichnet worden. Da Dämonen Lügner sind, sind wir nicht sicher, inwieweit man solchen Informationen glauben darf. Aber ich glaube, die ganze Angelegenheit ist es wert, daß weitere Untersuchungen darüber gemacht werden, so wie Rita Cabezas dies selbst tut. (S. 184, Kursivdruck im Original, Fettdruck von mir)

Hier drängt sich einem doch sofort die Frage auf: Was versteht Wagner in diesem Zusammenhang unter Forschung? Oder anders gefragt: Woher wissen diese Leute, was sie wissen? Offensichtlich doch durch direkten Kontakt mit Dämonen. Das Austreiben von Dämonen ist eine Sache, das neugierige Forschen nach Dingen, die Gott uns verborgen und sogar verboten hat, eine ganz andere.

Etwas derartiges kann nicht anders als Spiritismus im frommen Mäntelchen bezeichnet werden. Und wenn Wagner diesem Spiritismus so positiv und aufgeschlossen gegenübersteht, ist das in meinen Augen mehr als bedenklich. (An dieser Stelle sei auf den Beitrag Peter Wagner und der fromme Spiritismus von A. Seibel in Bibel und Gemeinde 1/90 verwiesen).

Abschließend möchte ich zu diesem Thema, ohne irgendwem irgend etwas Konkretes vorwerfen zu wollen, zwei Verse aus Mt7 zitieren:

Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: Herr, Herr! Haben wir nicht durch deinen Namen geweissagt und durch deinen Namen Dämonen ausgetrieben und durch deinen Namen viele Wunderwerke getan? Und dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch niemals gekannt. Weicht von mir, ihr Übeltäter! (Mt7.22-23)

Ich möchte durch dieses Zitat lediglich belegen, daß keineswegs der Heilige Geist am Werk sein muß, wenn Zeichen und Wunder oder Dämonenaustreibungen geschehen. Deshalb haben all die vielen Berichte von Zeichen, Wundern und Dämonenaustreibungen, die Wagner bringt und die sich in der Literatur der Pfingstbewegung zuhauf finden, überhaupt kein Gewicht in dem Sinne, daß man daraus schließen müßte, daß all das vom Geist Gottes gewirkt ist. Wagners Komm-und-sieh!-Strategie, Glauben heißt sehen, ist also recht trügerisch.


9. und 10. Kapitel

Nachdem Wagner bisher bemüht war, Glauben zu wecken, wendet er sich in den verbleibenden zwei Kapiteln der Praxis zu. Er möchte nun dazu anregen, daß der Leser das Gelernte in seiner Gemeinde einsetzt, um Kranke zu heilen. Ich möchte tunlichst nicht auf Details daraus eingehen, sondern nur noch einzelne, aufschlußreiche Punkte herausgreifen.

Da wäre zunächst die unerwartete Enthüllung, was Wagner eigentlich unter seinem Heilungsdienst versteht:

Letztes Jahr habe ich zum Beispiel für etwa 200 Menschen persönlich gebetet. Soweit ich mich erinnern kann, war das für jeden Einzelnen eine positive Erfahrung. Nicht jeder ist gesund geworden, aber alle hatten den Eindruck, daß ihnen geholfen wurde … Mir gefällt es, was Charles Kraft immer sagt: Es geht nicht so sehr um Heilung, sondern darum, ob Menschen geholfen wurde. (S. 192, Hervorhebung von mir)

Im Vordergrund steht also nicht, daß Menschen von Krankheit befreit werden, sondern daß sie seelisch aufgemöbelt werden, daß sie den Eindruck haben, daß ihnen geholfen wird, um positive Erfahrungen zu machen!

Dann wird wieder die falsche Lehre betont, daß jeder Gläubige sich diesem Dienst widmen sollte:

Ich bin überzeugt, daß jeder Christ aktiv daran beteiligt sein sollte, die Hände auf kranke Menschen zu legen und für ihre Genesung zu beten. Ich glaube nicht, daß ein solcher Dienst nur den Theologen, den Ältesten, anderen Gemeindeleitern oder nur denen mit der Gabe der Heilung vorbehalten ist. (S. 194-195)

Und wiederum ist alles, was Wagner zur Untermauerung dieser falschen Lehre aufbietet: Ich bin überzeugt … ich glaube. Wahrhaft dürftig.

Auch die falsche Lehre, daß es Spezialisten zur Heilung verschiedener Krankheiten gebe, wird wieder aufgewärmt, wobei Wagner nicht versäumt, auf sein eigenes Spezialgebiet hinzuweisen: zu kurze Beine.

Wagner betont, daß es kein Patentrezept für die Krankenheilung gibt. Das hindert ihn aber nicht daran, ein 5-Stufen-Programm abzudrucken, nach dem er selbst verfährt. Interessant ist dabei Punkt 2: Der Heiler soll versuchen, eine Diagnose zu stellen, also herauszufinden, woher die Krankheit eigentlich kommt. Wagner meint zu diesem Punkt:

Meine Erfahrung ist, daß ich nicht viel Einblick erhalte, wenn es um die Diagnose geht … Ich bin mir sicher, daß mehr von denen, die nicht geheilt werden, nachdem ich für sie gebetet habe, geheilt werden würden, wenn ich etwas mehr Erfahrung auf dem Gebiet der Diagnose hätte. Aber diese Erfahrung fehlt mir eben. (S. 206)

Das geht nun wirklich über meinen Horizont: Wenn Gott es ist, der heilt, warum sollte es dann auf die Fähigkeit des Heilers zur richtigen Diagnose ankommen, ob jemand geheilt wird oder nicht? Hat das noch etwas mit dem vollmächtigen Heilen des Herrn Jesus oder der Apostel zu tun?

Wagner fährt auch Zahlen auf: Anhand von Rückmeldungskarten stellte er fest, daß von denen, für die er in einem gewissen Zeitraum gebetet hatte, 18% keine Besserung erfuhren, 28% etwas Besserung, 25% sich viel besser fühlten und 29% völlig geheilt waren (S. 223).

Statistik ist eine komplizierte Sache, mit der man bekanntlich alles belegen kann. Wie kommt Wagner zu diesen Zahlen?

Ich begann im Herbst 1986 damit, diese Karten zu verteilen. In den Jahren 1986 und 1987 habe ich 114 wieder zurückerhalten … Ich weiß natürlich nicht, wieviel Prozent der verteilten Karten wieder an mich zurückgeschickt worden sind. Aber zu wissen, daß sich 82 Prozent der Menschen, für die ich gebetet habe, nach dem Gebet besser befinden, bewegt mich. (S. 223)

Die 82% sind natürlich die Summe derer mit etwas Besserung, viel besser und völlig geheilt. Offensichtlich bezieht Wagner die Prozentzahlen auf die 114 Karten, die er zurückbekommen hat. Andererseits gibt er zu, daß er gar nicht weiß, wieviele der Karten er verteilt hat. Daher kann er gar keine Aussage über alle Menschen machen, die er behandelt hat. Er hätte sagen müssen: 82% der Menschen, für die ich gebetet habe und die die Antwortkarte zurückgeschickt haben. Durch diesen Trick fehlen in der Berechnung der obigen Prozentwerte alle die, die aus Enttäuschung darüber, daß sie nicht geheilt worden sind, erst gar keine Karte zurückgeschickt haben.

Man hat natürlich keine Chance, aus den Angaben, die Wagner macht, die tatsächliche Verteilung zu ermitteln. Er selbst gibt aber auf S. 192 an, im letzten Jahr für etwa 200 Menschen gebetet zu haben. Wenn man einmal Gleichmäßigkeit voraussetzt, kann man daraus hochrechnen, daß er in den 15 Monaten im Herbst 1986 und im Jahr 1987 ca. 250 Menschen behandelt hat. Aus seinen Prozentzahlen bezogen auf die 114 zurückgesandten Antwortkarten kann man die Anzahl der Personen berechnen, die in die einzelnen Kategorien fallen (gerundet):

keine Besserung 20 Personen
etwas Besserung 32 Personen
viel besser 28 Personen
völlig geheilt 33 Personen

Setzt man diese Zahlen in Relation zur Gesamtzahl von 250, erhält man ein ganz anderes Bild als das, was Wagner vorzugaukeln versucht:

keine Besserung 8,4%
etwas besser 12,8%
viel besser 11,2%
völlig geheilt 13,2%
keine Rückmeldung 54,4%

Zählt man diese letzte Position dazu, wohin sie wahrscheinlich gehört, nämlich zu keine Besserung, macht diese Summe 62,8% aus. Ich denke, daß man diese Größe nochmals um beträchtliche Prozentpunkte erhöhen darf, die man den Kategorien etwas besser und viel besser abzwackt, wenn sie durch seelische Aufmöbelung oder ähnliches erzielt wurden.

Wenn man aber dessen ungeachtet die Zahlen von etwas besser, viel besser und völlig geheilt zusammenzählt, ergibt das eine Summe von rund 37%. Das klingt zunächst eindrucksvoll, aber diese Zahl stimmt erstaunlich präzise mit dem Wirkungsgrad von Placebos überein. Dazu ein Zitat aus einer medizinischen Fachzeitschrift:

Daß es einen Placebo-Effekt gibt, ist wohl unbestritten. Erstaunlich an dieser und vielen anderen Studien war, daß ziemlich konstant 35% der Patienten eine positive Reaktion angaben. Eine solche Konsistenz kann nicht allein auf Zufall beruhen. In verschiedenen Studien wurde die Reaktion auf Placebo untersucht: bei schweren postoperativen Wundschmerzen, Husten, medikamentös induzierten psychischen Alterationen, Schmerzen bei Angina pectoris, Kopfweh, Reisekrankheit, experimentell induziertem Husten, neurotischer Angst, Erkältung … Sogar bei Operationen war ein deutlicher Effekt nachweisbar … Zusammenfassend ergibt sich, daß 30-40% der Patienten auf Placebo hin beschwerdefrei werden … Der Patient reagiert nicht auf die Substanz, sondern darauf, daß ihm eine Injektion gemacht wird, daß er eine große bittere Pille schlucken muß, vor allen Dingen, daß er eine wirksame Behandlung erwartet, da er einem Arzt vertraut. Diese positive Erwartungshaltung allein kann bereits physiologische Veränderungen hervorrufen … Eine Placebo-Wirkung ist nicht beschränkt auf Tabletten. Diät und physikalische Therapie gehören genauso dazu wie Biofeedback und Akupunktur. (Akt. Neurol. 11(1984)97-98)

Diese klinischen Erkenntnisse (!) lassen sich vielleicht genau übertragen: die positive Erwartungshaltung ist genauso da.

Zur Frage, warum denn einige nicht geheilt werden, hat Wagner aber den passenden Trost:

Aber wie ich schon zuvor gesagt habe, wird buchstäblich jedem Menschen, für den um Heilung gebetet wird, in der einen oder anderen Weise geholfen. Letztendlich ist es, um mit Charles Kraft zu sprechen, wichtiger, daß wir Menschen dienen, als daß wir sie heilen (S. 236)

So leicht kann man es sich mit frommen Worten machen, wenn man kaschieren will, daß das, was man tut, mit vollmächtiger Krankenheilung, wie die Bibel sie beschreibt, nichts zu tun hat.

Fazit

Im Vorwort schreibt Wagner:

Manche argwöhnen vielleicht, daß ein Buch wie dieses nichts anderes als ein attraktiver Köder sei, der sie (nämlich die traditionellen evangelikalen Gemeinden, M.S.) in die Pfingstgemeinden oder die charismatische Bewegung ziehen soll. (S. 8)

Für einen Köder halte ich das Buch trotz dieser Versicherung Wagners. Aber nicht für einen attraktiven – zu plump ist das, was Wagner präsentiert, zu plump, wie er es präsentiert.


© 2000 Martin Schweikert. Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.