Warum durften Mose und Aaron nicht nach Kanaan?
Eine vielleicht überraschende Antwort
Kurz bevor das Volk Israel nach 40 Jahren und vielen Strapazen endlich in das verheißene Land Kanaan einziehen sollte, führte Gott Mose auf einen Berg und sagte zu ihm:
„4 … Das ist das Land, welches ich Abraham, Isaak und Jakob zugeschworen habe, indem ich sprach: Deinem Samen will ich es geben. Ich habe es dich mit deinen Augen sehen lassen, aber du sollst nicht hinübergehen. 5 Und Mose, der Knecht Jahwes, starb daselbst im Lande Moab, nach dem Worte Jahwes.“ [1] — Dtn 34,4-5
Mose, der Mann, der das Volk Israel aus der Sklaverei aus Ägypten geführt hatte, der auf der Flucht das Rote Meer geteilt hatte, der das Volk 40 Jahre lang durch die Wüste geführt hatte mit dem Ziel Kanaan, der alle Höhen und Tiefen mit ihm durchlebt hat, der Mann, der einst mit Gott von Angesicht zu Angesicht redete (Ex 34,11) – dieser Mann durfte nicht mit ins Land einziehen?
Um dies zu verstehen, müssen wir uns die Begebenheit in Num 20,2-13 in der Wüste Zin ansehen:
„2 Und es war kein Wasser da für die Gemeinde, und sie versammelten sich wider Mose und wider Aaron. 3 Und das Volk haderte mit Mose, und sie sprachen und sagten: Wären wir doch umgekommen, als unsere Brüder vor Jahwe umkamen! 4 Und warum habt ihr die Versammlung Jahwes in diese Wüste gebracht, daß wir daselbst sterben, wir und unser Vieh? 5 Und warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt, um uns an diesen bösen Ort zu bringen? Es ist kein Ort der Aussaat und der Feigenbäume und der Weinstöcke und der Granatbäume, und kein Wasser ist da zu trinken. 6 Und Mose und Aaron gingen von der Versammlung hinweg zum Eingang des Zeltes der Zusammenkunft und fielen auf ihr Angesicht; und die Herrlichkeit Jahwes erschien ihnen. 7 Und Jahwe redete zu Mose und sprach: 8 Nimm den Stab und versammle die Gemeinde, du und dein Bruder Aaron, und redet vor ihren Augen zu dem Felsen, so wird er sein Wasser geben; und du wirst ihnen Wasser aus dem Felsen hervorbringen und die Gemeinde tränken und ihr Vieh. 9 Und Mose nahm den Stab vor Jahwe weg, so wie er ihm geboten hatte. 10 Und Mose und Aaron versammelten die Versammlung vor dem Felsen; und er sprach zu ihnen: Höret doch, ihr Widerspenstigen! Werden wir euch Wasser aus diesem Felsen hervorbringen? 11 Und Mose erhob seine Hand und schlug den Felsen mit seinem Stabe zweimal; da kam viel Wasser heraus, und die Gemeinde trank und ihr Vieh. 12 Da sprach Jahwe zu Mose und zu Aaron: Weil ihr mir nicht geglaubt habt, mich vor den Augen der Kinder Israel zu heiligen, deswegen sollt ihr diese Versammlung nicht in das Land bringen, das ich ihnen gegeben habe. 13 Das ist das Wasser von Meriba, wo die Kinder Israel mit Jahwe haderten, und er sich an ihnen heiligte.“
Mose und Aaron bekommen von Gott einen Auftrag – und sie handeln falsch. Die Strafe dafür nennt Gott in V. 12:
„Weil ihr mir nicht geglaubt habt, mich vor den Augen der Kinder Israel zu heiligen, deswegen sollt ihr diese Versammlung nicht in das Land bringen, das ich ihnen gegeben habe.“
Dieser Vorwurf hat zwei Komponenten: Die zweite, „ihr habt mich nicht geheiligt“, ist zwar nicht ganz trivial, aber doch leichter zu verstehen als die erste, „ihr habt nicht geglaubt“.
In לְ׳הַקְדִּישׁ׳ֵנִי l:haq:diyscheniy steckt der Hiphil Infinitiv constructus der Wurzel קדשׁ qdsch (Strong-Nr. H6942). Da der Hiphil der Kausativ-Stamm ist, kann das Wort übersetzt werden mit „heilig machen, als heilig behandeln, als heilig anerkennen, die Heiligkeit sichtbar werden lassen“. Der Sinn des ganzen Ausdrucks ist also: „mich als heilig zu erweisen, mich als den Heiligen zu erweisen, meine Heiligkeit anzuerkennen, meine Heiligkeit sichtbar zu machen“.
Die schon zitierte Elberfelder-Familie sowie Allioli 1860, Buber / Rosenzweig, Einheitsübersetzung, Herder, Luther, Schlachter, Tafel Bibel und Naftali Herz Tur-Sinai entscheiden sich für die wörtliche Wiedergabe – was akzeptabel ist, denn irgendwie versteht man ja schon, was gemeint ist. Andere Übersetzer geben sich aber Mühe, den Sinn des hebräischen Originals wiederzugeben.
Einige belassen es bei „heilig“, bringen aber zum Ausdruck, was Aaron und Mose hätten tun sollen:
Ganz ähnlich Grünewald (Riessler-Storr-Bibel) und Grünewald (Volksbibel) mit „mich vor den Israeliten nicht gerechtfertigt habt“.
Diese Übersetzungen sind nicht zu beanstanden, tragen aber nichts zum Verständnis bei, was damit gemeint ist.
Daß Gott heilig ist, das wußte das Volk zweifellos schon vor dieser Begebenheit. Und es bedurfte noch nie eines Menschen, um Gott zu „heiligen“ im Sinne von „heilig machen“. Daher ist zu begrüßen, daß es Übersetzungen gibt, die versuchen, die Aussage zu verdeutlichen, auch wenn sie damit über den Grundtext hinaus gehen. Den folgenden vier geht es um die Ehre, die dem Heiligen hätte zuteil werden sollen:
Schließlich gehen zwei weitere noch weiter über den Grundtext hinaus, aber der eigentliche Sinn ist sehr gut wiedergegeben:
Fünf weitere Übersetzungen drücken das Ziel aus, was durch Moses und Aarons Handeln hätte erreicht werden sollen, die Verherrlichung Gottes:
Als Übersetzung untragbar, weil sie weit über den Wortlaut des Grundtextes hinausgeht, aber als Erläuterung sehr treffend, ist Hoffnung für Alle:
„… mir nicht die Gelegenheit gegeben, mich vor dem Volk als der heilige und mächtige Gott zu erweisen. …“
הֶאֱמַנְתֶּם heeman:tem ist 2. Person maskulin Plural Hiphil Perfekt der Wurzel אמן 'mn (Strong-Nr. H539) „fest sein, zuverlässig sein, Bestand haben“. Der Kauativ-Stamm Hiphil bringt die Bedeutung „vertrauen auf, für zuverlässig halten, Glauben schenken, sein Vertrauen setzen auf“ zum Ausdruck. Das Verb beschreibt also nicht primär das Für-wahr-Halten einer Aussage, sondern das Vertrauen in eine Person oder deren Zuverlässigkeit.
Vorläufig halten wir fest: Der erste Teil des Vorwurfs könnte übersetzt werden mit „ihr habt mir nicht geglaubt“, „ihr habt mir nicht vertraut“, „ihr habt euch nicht auf mich verlassen“.
Sämtliche Übersetzungen belassen es dabei und wählen einen der Audrücke „mir nicht geglaubt habt“, „nicht an mich geglaubt habt“, „mir nicht vertrautet“, „kein Vertrauen in mich gesetzt habt“, „mir kein Vertrauen geschenkt habt“.
Dies wäre völlig verständlich, wenn der Ausdruck in einem Kontext stünde, in dem jemandem vorgeworfen würde, er hätte Gott nicht zugetraut, daß Er in der Lage sei, etwas zu tun. Es wäre hier jedoch völlig unsinnig anzunehmen, daß Mose und Aaron nicht geglaubt hätten, dass Gott in der Lage gewesen wäre, Wasser aus einem Felsen hervorzubringen. Dies wäre gleich doppelter Unsinn, da Gott schon früher in exakt derselben Situation Wasser aus einem Felsen hervorgebracht hatte (Ex 17,1-7).
Nun steht der Ausdruck in V. 12 aber in einem ganz speziellen Kontext: Er wird unmittelbar gefolgt von לְ׳הַקְדִּישׁ׳ֵנִי l:haq:diyscheniy, den wir oben schon untersucht haben.
Der infinitiv mit לְ l: ist eine nähere Bestimmung des Inhaltes, der Konsequenz des fehlenden Vertrauens.
Die innere Perspektive „Ihr habt mir nicht vertraut“ wird in Bezug gesetzt zur äußeren Perspektive „Dadurch habt ihr mich vor dem Volk nicht geheiligt“.
Die innere Perspektive konnte das Volk nicht sehen. Es konnte aber sehen, was Mose und Aaron taten: Sie haben nicht Gott in der Vordergrund gestellt, der in Wirklichkeit das Wunder vollbracht hat, sondern sich selbst als die Handelnden.
Zusammenfassend könnte man sagen, folgendes wäre eine treffende Übersetzung des ganzen Satzes:
„Ihr habt nicht das Vertrauen auf mich gezeigt, das nötig gewesen wäre, um mich vor den Israeliten zu heiligen.“
Hier könnte man das „heiligen“ dann noch durch eine der Formulierungen ersetzen, die am Ende des letzten Abschnittes aufgezählt wurden.
Halten wir fest als Erkenntnis (A):Mose und Aaron haben durch ihr Verhalten Gott nicht gegeben, was Ihm zustand.
Worin bestand aber nun das Fehlverhalten von Mose und Aaron? Obwohl es im Text erwähnt wird, kann es leicht passieren, daß man darüber hinwegliest.
Der Auftrag Gottes war:
„Nimm den Stab und versammle die Gemeinde, du und dein Bruder Aaron, und redet vor ihren Augen zu dem Felsen, so wird er sein Wasser geben; und du wirst ihnen Wasser aus dem Felsen hervorbringen und die Gemeinde tränken und ihr Vieh.“ — Num 20,8
Mit dem Stab Moses[2] hat es eine besondere Bewandtnis. Gott nennt ihn hier einfach „den Stab“, Mose und Aaron wußten also sicher, von welchem Stab Er redete. Er wird in Ex 4,20 und in Ex 17,9 „Stab Gottes“ genannt. Aufbewahrt wurde er offensichtlich im Heiligtum[3] – zwar wird das nirgends erwähnt, aber in Num 20,9 heißt es: „Und Mose nahm den Stab vor Jahwe weg, so wie er ihm geboten hatte.“
Dieser Stab begleitete Mose von seiner Berufung an, wo er vorübergehend zu einer Schlage wurde (Ex 4,1-5). Bei manchen Wundern, die Gott wirkte, war der Stab Moses beteiligt:
Die interessanteste Erwähnung des Stabes Mose ist aber in Ex 17,1-6. Dort war die Situation nämlich exakt dieselbe wie in Num 20: Das Volk rebelliert, weil es kein Wasser gibt. Dort gibt Gott Mose diesen Auftrag:
„5 … Gehe hin vor dem Volke, und nimm mit dir von den Ältesten Israels; und deinen Stab, womit du den Strom geschlagen hast, nimm in deine Hand und gehe hin. 6 Siehe, ich will daselbst vor dir stehen auf dem Felsen am Horeb; und du sollst auf den Felsen schlagen, und es wird Wasser aus demselben herauskommen, daß das Volk trinke. Und Mose tat also vor den Augen der Ältesten Israels.“ — Ex 17,5-6
Mose soll mit seinem Stab auf den Felsen schlagen, damit er Wasser gibt. Diesen Auftrag führt er aus: Er schlägt den Felsen, das Wasser fließt, das Volk ist gerettet.
In Lev 20 ist der Auftrag ein anderer: Mose soll – wohl als Zeichen göttlicher Autorität – den Stab nehmen, aber diesmal den Felsen nicht damit schlagen, sondern zu ihm sprechen. Dies tut er aber nicht – stattdessen schlägt er den Felsen mit dem Stab wie das letzte Mal.
Zweifellos hat Mose damit falsch gehandelt – anstatt zu dem Felsen zu sprechen, hat er ihn geschlagen. Das war eine klare Mißachtung des Auftrages Gottes.
Aber war dieses Fehlverhalten so schwerwiegend? War dies tatsächlich der Grund dafür, daß Mose später nicht mit nach Kanaan einziehen durfte?
Viele bejahen dies und argumentieren typologisch, ausgehend von 1 Kor 10,1-4:
„1 Denn ich will nicht, daß ihr unkundig seid, Brüder, daß unsere Väter alle unter der Wolke waren und alle durch das Meer hindurchgegangen sind, 2 und alle auf Moses getauft wurden in der Wolke und in dem Meere, 3 und alle dieselbe geistliche Speise aßen, 4 und alle denselben geistlichen Trank tranken; denn sie tranken aus einem geistlichen Felsen, der sie begleitete. Der Fels aber war der Christus.“
Es wird dann argumentiert, daß das erste Schlagen des Felsens in Ex 17 das Leiden und Sterben des Christus bedeutet. Das zweite Schlagen in Num 20 ist in dieser Sicht dann tatsächlich so dramatisch verwerflich, daß es die Strafe rechtfertigt.
Aber zum einen konnte Gott Mose ja schlecht für eine Symbolik bestrafen, von der er noch überhaupt keine Ahnung haben konnte.
Zum anderen haben die Verse aus 1 Kor 10 – wie auch immer die dortige Typologie und Symbolik zu verstehen ist – mit Sicherheit mit unseren Abschnitten Ex 17 und Num 20 nichts zu tun. Sicher, es wird der Christus mit einem Felsen identifiziert, aber es ist ein Fels, der das Volk begleitete (1 Kor 10,4). In Ex 17 und Num 20 handelt es sich um zwei verschiedene Felsen, und weder der eine noch der andere haben das Volk begleitet, sondern das Volk ist jeweils zu diesen Felsen gekommen. Dies sind zwei grundverschiedene Dinge, die nicht zur Übereinstimmung gebracht werden können.
Schließlich sei noch vermerkt, daß Mose für das spezifische Fehlverhalten „schlagen statt sprechen“ weder im Kontext von Num 20 noch an irgend einer anderen Stelle der Schrift spezifisch getadelt wird. Man könnte natürlich sagen „Das Urteil in Num 20,12 ist Kritik genug“, aber bei der folgenden Erklärung ist dies anders.
In Psalm 106,32-33 finden wir eine komprimierte Zusammenfassung der Ereignisse in Num 20. Dort heißt es, inmitten einer langen Liste von Fehlverhalten des Volkes:
„32 Und sie erzürnten ihn an dem Wasser von Meriba, und es erging Mose übel ihretwegen; 33 denn sie reizten seinen Geist, so daß er וַ׳יְבַטֵּא way:vatte mit seinen Lippen.“
וַ׳יְבַטֵּא way:vatte ist Verb 3. Person maskulin Singular Piel Narrativ der Wurzel בטא vt'. Das Verb kommt im ganzen AT nur noch zweimal vor, und zwar in Lev 5,4:
„oder wenn jemand schwört, indem er unbesonnen mit den Lippen redet, Böses oder Gutes zu tun, nach allem was ein Mensch mit einem Schwur unbesonnen reden mag, und es ist ihm verborgen, erkennt er es, so ist er schuldig in einem von diesen.“
Das Substantiv מִבְטָא miv:ta, das von derselben Wurzel abgeleitet ist, kommt auch nur zweimal vor, und zwar in Num 30,7-9:
„7 Und wenn sie etwa eines Mannes wird, und ihre Gelübde sind auf ihr, oder ein unbesonnener Ausspruch ihrer Lippen, wozu sie ihre Seele verbunden hat, … 9 Wenn aber ihr Mann an dem Tage, da er es hört, ihr wehrt, so hebt er ihr Gelübde auf, das auf ihr ist, und den unbesonnenen Ausspruch ihrer Lippen, wozu sie ihre Seele verbunden hat; und Jahwe wird ihr vergeben.“
In diesen Kontexten geht es darum, daß jemand unbesonnen, unüberlegt einen Schwur oder ein Gelübde ablegt. Genau dieselbe Bedeutung darf man in Psalm 106,33 annehmen, und sämtliche aktuellen Übersetzungen geben den Ausdruck auch in diesem Sinne wieder.[4] Die weitaus meisten wählen eine Variante von „dass ihm unbedachte Worte entfuhren“ (z. B. Luther) oder eine Variante von „er redete unbedacht mit seinen Lippen“ (z. B. Einheitsübersetzung), einige wenige finden noch andere Worte, um das unbedachte Reden auszudrücken.
Halten wir fest als Erkenntnis (B): Die Verfehlung bestand darin, daß Mose unbedachte Worte sprach.
Kehren wir mit dieser Erkenntnis zurück zu Num 20.
Die wenigen Worte, die Mose dort spricht, stehen in V. 10:
„Und Mose und Aaron versammelten die Versammlung vor dem Felsen; und er sprach zu ihnen: Höret doch, ihr Widerspenstigen! Werden wir euch Wasser aus diesem Felsen hervorbringen?“
Daß Mose in seinem Zorn das Volk anspricht mit „Höret doch, ihr Widerspenstigen!“ ist für die Umstände eigentlich noch glimpflich ausgedrückt – niemand wird Mose für diesen Ausbruch verurteilen wollen. Nein, das wirkliche Vergehen, das wirkliche verhängnisvolle, unbedachte Reden muß im zweiten Satz zu finden sein: „Werden wir euch Wasser aus diesem Felsen hervorbringen?“, so die wörtliche Übersetzung.
Auf den ersten Blick ist nicht unbedingt ersichtlich, was an dieser Frage so verwerflich ist. Manche Ausleger schlagen vor, diesen Satz nicht als Frage, sondern als Aussage aufzufassen: „Aus diesem Felsen werden wir euch Wasser hervorbringen!“ Das ist aber unzulässig, denn das, was Mose äußert, ist formal unzweifelhaft eine Frage. In der deutschen Sprache erkennt man eine Frage bei gesprochenen Worten am Tonfall und bei geschriebenen Worten am Fragezeichen am Ende. Im Spanischen beginnt eine Frage mit einem umgekehrten Fragezeichen, so daß völlig klar ist, daß das Folgende eine Frage ist. Im Hebräischen ist es ähnlich: dort beginnt eine Frage immer mit הֲ ha, und dieses הֲ ha steht hier am Anfang des Satzes. Auch die Septuaginta übersetzt den Satz als Frage, mit einem Semikolon (dem griechischen Fragezeichen) am Ende.
Es handelt sich also zweifellos um eine Frage. Aber um was für eine Frage? Erwartet Mose eine Antwort vom Volk? Möchte er mit ihnen diskutieren? Nein – in seinem Zorn stellt Mose die Frage und handelt sofort danach, ohne auf eine Antwort zu warten. Eine Frage, die keine Antwort erwartet, sondern die die Antwort schon beinhaltet, nennt man eine „rhetorische Frage“. Beispiele für rhetorische Fragen wären etwa „Wer würde so etwas freiwillig tun?“ – die implizierte Antwort: „Niemand!“. Oder „Wie könnte ich das vergessen?“ – implizierte Antwort: „Ich kann das unmöglich vergessen!“
Rhetorische Fragen sind in der Bibel nichts Ungewöhnliches. Einige der bekannteren Beispiele:
Bei der Wiedergabe der rhetorischen Frage Moses in Num 20,10 gehen die Übersetzungen in drei Richtungen:
Einige belassen es – mit unbedeutenden Varianten – bei dem wörtlichen „Werden wir euch Wasser aus diesem Felsen hervorbringen?“ (Allioli, Dürr, Elberfelder, Luther bis 1912, Schlachter 1926 und 2000, Naftali Herz Tur-Sinai).
Einige andere rücken den Auftrag in den Mittelpunkt, z. B. Schlachter 1951 und 1975: „Aus diesem Felsen sollen wir euch Wasser verschaffen?“ (ganz ähnlich Buber / Rosenzweig, Hoffnung für Alle, Tafel Bibel).
Die meisten Wiedergaben drehen sich aber um das Vermögen Moses und Aarons, z. B. Einheitsübersetzung: „Können wir euch wohl aus diesem Felsen Wasser fließen lassen?“ (ganz ähnlich BasisBibel, Gute Nachricht Bibel, Grünewald (Riessler-Storr-Bibel), Herder, Henne-Rösch Bibel (Paderborner Bibel), Hamp und Stenzel, Luther ab 1984, Menge, Neue Evangelistische Übersetzung, Pattloch Bibel, Textbibel, Grünewald (Volksbibel), Schönigh (Volksbibel), Zürcher).
Die rhetorische Frage „Können wir euch wohl aus diesem Felsen Wasser fließen lassen?“ beinhaltet eine Antwort wie „Und wie wir das können!“, „Ihr werdet schon sehen, daß wir das können!“, „Aber sicher können wir das!“
Erinnern wir uns an Erkenntnis (A) aus 2.2 Weil ihr mir nicht geglaubt habt:
Mose und Aaron haben durch ihr Verhalten Gott nicht gegeben, was Ihm zustand.
Jetzt wird das Problem auf einmal offensichtlich: Es ist das „wir“ in „Können wir euch wohl aus diesem Felsen Wasser fließen lassen?“ Durch dieses „wir“ stellt Mose sich und Aaron in den Mittelpunkt. Er schreibt dadurch das Wunder, das Gott im Begriff ist, zu tun, sich selbst und Aaron zu.
Das ist eine Beleidigung Gottes, und insofern ist das Maß der Strafe, die Gott gegen Mose und Aaron in Num 20,12 verhängt, gerechtfertigt. Ein Teil dieses Verses wurde oben schon aus der Hoffnung für Alle zitiert; hier nochmals der volle Wortlaut:
„Aber der HERR sprach zu Mose und Aaron: ‚Ihr habt mir nicht vertraut und mir nicht die Gelegenheit gegeben, mich vor dem Volk als der heilige und mächtige Gott zu erweisen. Stattdessen habt ihr euch selbst in den Mittelpunkt gestellt. Deshalb dürft ihr mein Volk nicht in das Land bringen, das ich ihnen geben werde.‘“
Als Übersetzung ist diese Wiedergabe nicht akzeptabel, weil sie sehr weit und interpretierend vom Grundtext abweicht. Als Erklärung dagegen ist diese Fassung eine perfekte Zusammenfassung der obigen Überlegungen.