Von Strichen, Löwen, Händen
und Füßen
Bemerkungen zur Übersetzung von Psalm 22,17
Die große Mehrzahl der Übersetzungen – darunter die großen und bewährten – geben Psalm 22,17 (in manchen Ausgaben auch V. 16) beispielsweise so wieder:
„Denn Hunde haben mich umlagert, / eine Rotte von Bösen hat mich umkreist. Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt.“ (Einheitsübersetzung)
Bei einigen wenigen (nämlich sechs an der Zahl) sieht das aber ganz anders aus. Sie zerfallen in drei Gruppen, die erste ist repräsentiert durch Das Buch:
„Denn Hunde haben mich umkreist, eine Horde von Gewalttätern hat mich umzingelt, wie Löwen zerfetzen sie mir Hände und Füße.“
Hier tauchen auf einmal mehrere Löwen auf, wenn auch nur „wie“.
Die BasisBibel – einziger Repräsentant der zweiten Gruppe – bietet an:
„Ja, Hunde rotteten sich um mich zusammen, eine Meute von Bösen hat mich eingekreist – wie ein Löwe, der bereit ist zum Sprung, um mich an Händen und Füßen zu packen.“
Hier fällt – neben der blühenden Fantasie des Übersetzers – auf, daß nur ein Löwe ins Spiel kommt.
Die dritte Gruppe schließlich ist repräsentiert durch die Pattloch Bibel:
„Ja, Hunde umringen mich, eine Rotte von Frevlern umgibt mich. Sie zerreißen mir Hände und Füße.“
Hier gibt es keinen Löwen; das Zerreißen der Hände und Füße wird den Hunden zugeschrieben.
Wie kommen wir nun mit diesem Wirrwarr klar – mehrere Löwen, ein Löwe, gar kein Löwe, Hände und Füße werden gebunden (HER2005, Z2007), gefesselt (BR), gepackt (BAS), zerfetzt (DBU, GNB2018), zerrissen (PAT).
Um die Verwirrung komplett zu machen, sei noch Naftali Herz Tur-Sinai zitiert, auch ein Repräsentant der ersten Gruppe:
„Sie haben mich umstellt wie Leuen der Übeltäter Bande mich umringt wie Löwen, Hände mir und Füße.“
So oft man es auch liest – es ergibt einfach keinen Sinn, selbst wenn man nach den „Leuen“ ein Komma einfügt, um einen schönen, poetischen Satz mit einem Parallelismus zu bekommen.
Man ist ja – speziell von paraphrasierenden Übersetzungen wie Das Buch – einiges an übersetzerischer Freiheit gewohnt. Aber wie kann es sein, daß ein und derselbe Grundtext auf so verschiedene Arten und Weisen übersetzt wird?
Die Antwort ist so verblüffend wie einfach – es handelt sich eben nicht um „ein und denselben Grundtext“. Es geht gar nicht um „Wie übersetzen?“, sondern um „Was übersetzen?“
Hierzu muss man wissen, wie der Grundtext des hebräischen Alten Testamentes überliefert wurde. Im Gegensatz zu den mehreren tausend Handschriften und Fragmenten, aus denen sich der Text des griechischen Neuen Testamentes rekonstruieren läßt, beruht das Alte Testament weitestgehend auf dem sogenannten „Masoretischen Text“. Die Masoreten (von hebr. „Masora“, „Überlieferung“) waren jüdische Gelehrte im Zeitraum von ca. 600 - 1000 n. Chr. Diese vervielfältigten den Bibeltext äußerst zuverlässig und fügten – weil Hebräisch anfangs ohne Vokale geschrieben wurde – Vokal- und Betonungszeichen sowie Randnotizen hinzu. So hatte man einen Text, von dem man genau wußte, wie er zu lesen war. Heute ist dieser Text die Grundlage der wissenschaftlichen Ausgabe der hebräischen Bibel, genannt „Biblia Hebraica Stuttgartensia“.
Dieser Text ist komplett erhalten in einer Handschrift aus dem Jahr 1008 n. Chr., genannt „Codex Leningradensis“. Der Text ist natürlich viel älter, er stammt vermutlich aus vorchristlicher Zeit. Als 1947 die Qumran-Handschriften entdeckt wurden, war das eine Sensation: Diese Handschriften sind über 1000 Jahre älter als der „Codex Leningradensis“ und stimmen doch erstaunlich gut mit ihm überein. Die Abweichungen betreffen oft nur Rechtschreibung und Wortstellung, kleiner Varianten gibt es auch. Dies gilt als Beweis dafür, wie präzise der Masoretische Text überliefert wurde.
Die zweite Hälfte von Psalm 22,17 lautet im Masoretischen Text כָּ׳אֲרִי יָדַי וְ׳רַגְלָי ka-ariy yaday w:rag:lay. Wörtlich übersetzt heißt dies: „Wie ein Löwe meine Hände und meine Füße“, und es ergibt keinerlei Sinn.
Nur Naftali Herz Tur-Sinai gibt den Masoretischen Text wörtlich wieder, was aber im Deutschen ebenso wenig Sinn ergibt wie im Hebräischen. Die anderen fünf der sechs eingangs genannten Übersetzungen versuchen aber mit aller Gewalt, einen Sinn darin zu finden – sie lassen Dinge weg oder sie erfinden Dinge hinzu, was immer ihnen geeignet erscheint, Licht ins Dunkel zu bringen. Daß sie den Masoretischen Text dabei teilweise massiv strapazieren, stört sie offenbar nicht.
Viel naheliegender als dem Masoretischen Text diese Gewalt anzutun, wäre doch anzunehmen, daß wir es hier mit einer der extrem seltenen Fälle zu tun haben, in denen er fehlerhaft ist und nicht den ursprünglichen Wortlaut enthält.
Sehen wir uns dazu den vierten Konsonanten des ersten Wortes an, ein י yod, dieses sieht ganz ähnlich aus wie ein ו waw. Diese zwei Zeichen sind fast identisch, beim ו waw ist nur der Abstrich länger als beim י yod. Es gehört nun nicht viel Vorstellungskraft dazu, wie beim oft wiederholten, manuellen Kopieren des Textes aus einem ursprünglichen כארו das verfälschte כארי wurde. Die Vokalzeichen können wir getrost zunächst einmal beiseite lassen – sie wurden ja von den Masoreten erst eingeführt. Der eigentliche, signifikante Unterschied zwischen den beiden Wörtern besteht nur aus der Länge des Abstriches des letzten Konsonanten.
Wenn man nun noch das Vokalzeichen „ . “ („i“) von unter dem ר in die Mitte des nachfolgenden ו verschiebt, erhält man כָּאֲרוּ ka-aru, was von der Wurzel כרה chrh „aushöhlen, graben“ gebildet ist und somit „sie haben ausgehöhlt, gegraben“ bedeutet. So gelangt man unversehens, wenn man der poetischen Sprache eingedenk die Wortbedeutung nicht sklavisch aus dem Lexikon übernimmt, bei der Fassung, die – wie eingangs erwähnt – die große Mehrzahl der Übersetzungen bietet: „Sie haben meine Hände und Füße durchbohrt“.
Diese Lösung entspringt keineswegs bloßer Fantasie. Die „Biblia Hebraica Stuttgartensia“ erwähnt, daß es „wenige“ hebräische Handschriften gibt, die כָּאֲרוּ ka-aru lesen. Sodann hat die Qumran-Handschrift 5/6Hev 40 (alias 5/6HevPs, ca. 50-115 n. Chr.) כארו, was als „wahrscheinlich durchbohrt“ gedeutet wird.
Darüber hinaus gibt es antike Übersetzungen der hebräischen Texte. Die bekannteste ist die griechische „Septuaginta“ aus dem 3.-2. Jahrhundert v. Chr. Diese hat – ganz ohne Löwen – ὤρυξαν χεῖράς μου καὶ πόδας ōryxan cheiras mou kai podas von ὀρύσσω oryssō, „aufgraben, ausgraben“, also wiederum „sie haben meine Hände und Füße durchgraben / durchbohrt“. Die syrische „Peschitta“ übersetzt auch in diesem Sinn.
Entweder hatten diese Übersetzungen eine hebräische Vorlage, die כָּאֲרוּ ka-aru enthielt oder die Übersetzer haben die gleichen Überlegungen angestellt wie oben.
Auf jeden Fall ist „sie haben meine Hände und Füße durchbohrt“ eine legitime Übersetzung, auch wenn der Masoretische Text etwas anderes hat.